Marketing

Rotstift: Stop the slop auf Deutsch

Rotstift ist ein freier Linter für deutsche Texte. Er findet Floskeln, Nominalstil, Amtsdeutsch und unbelegte Behauptungen, begründet jede Fundstelle und schlägt vor, was stattdessen hingehört. Ob ein Sprachmodell den Text geschrieben hat oder ein Mensch, ist für die Prüfung gleichgültig.

TL;DR: Rotstift ist ein freier Linter für deutsche Texte, der Floskeln, Nominalstil und Amtsdeutsch erkennt, um die Textqualität zu verbessern. Er begründet jede Fundstelle, schlägt Alternativen vor und ist unabhängig davon, ob der Text von einem Menschen oder einem Sprachmodell verfasst wurde. Das Tool läuft offline und enthält einen Katalog von 60 Regeln.

Was mit Slop gemeint ist

Slop heißt im Englischen eigentlich Schweinefutter. Inzwischen steht das Wort für Text, der nach etwas klingt und nichts sagt, und meist sind massenhaft erzeugte KI-Inhalte gemeint. Das Phänomen ist aber älter. Sätze wie „Im Rahmen der Umsetzung sorgen wir für ganzheitliche Lösungen" standen in Unternehmensbroschüren, als Sprachmodelle noch ein Forschungsthema waren.

Die Modelle haben diese Muster aus genau solchen Texten gelernt. Sie setzen sie heute häufiger ein als die meisten Menschen, und zwar so dicht, dass Leser es nach wenigen Sätzen bemerken. Wer einmal darauf achtet, hört den Ton überall heraus: Jeder Satz klingt sicher, und keiner lässt sich überprüfen.

Warum es Rotstift gibt

Sprachmodelle sind brauchbare Werkzeuge, um Texte zu überarbeiten. Sie kürzen und glätten Übergänge. Beim Überarbeiten bringen sie aber ihre eigenen Gewohnheiten mit. Ein Absatz, der vorher holprig und konkret war, kommt glatt und leer zurück, mit „nahtlos" und „nicht nur, sondern auch" an Stellen, wo vorher ein Detail stand.

Für englische Texte gibt es Werkzeuge, die solche Muster erkennen. Einer der bekanntesten ist der Skill stop-slop. Im Deutschen greifen deren Regeln nur zum Teil, denn die auffälligsten Merkmale deutscher Texte gibt es im Englischen gar nicht: Nominalstil wie „die Durchführung der Optimierung", Genitivketten, Amtsdeutsch. Eines der stärksten Signale ist sogar eine Abwesenheit. Texte aus Sprachmodellen kommen oft ohne ein einziges „aber" aus und weichen auf „jedoch" und „allerdings" aus.

Rotstift sammelt deshalb Muster, die im Deutschen auffallen, und prüft sie automatisch, bevor ein Text veröffentlicht wird.

Wie die Prüfung funktioniert

Das Werkzeug besteht aus einem Python-Skript und einem Regelkatalog im JSON-Format. Es braucht nur Python ohne weitere Pakete und läuft offline. Der Linter selbst schickt keinen Text an einen Server.

Der Katalog umfasst derzeit 60 Regeln und 4 Messgrößen in sechs Gruppen:

  1. KI-Vokabular – Wörter wie „nahtlos", „maßgeschneidert" oder „Mehrwert", die viel versprechen und nichts benennen.

  2. Satzschablonen – Bauformen wie „nicht nur …, sondern auch" oder „spielt eine entscheidende Rolle".

  3. Deutschspezifische Merkmale – Nominalstil, Genitivketten, Amtsdeutsch.

  4. Satzzeichen und Rhythmus – gehäufte Gedankenstriche und Aufzählungen im Dreierpack.

  5. Erfundene Belege – Prozentangaben und Kundenzahlen, für die keine Quelle genannt ist.

  6. Menschliche Signale – hier misst Rotstift, was fehlt: ein „aber", eine eigene Perspektive, Sätze unterschiedlicher Länge.

Jede Gruppe hat eine Schwelle. Bei den Satzschablonen kostet schon ein Treffer einen Punkt, beim Vokabular erst eine Häufung. Was unter der Schwelle bleibt, erscheint als Hinweis. Am Ende steht ein Score von 0 bis 6, dazu jede Fundstelle mit Zeilennummer, Begründung und Ersatzvorschlag.

Ein Beispiel. Im Satz „Im Rahmen der Umsetzung Ihrer Projekte sorgen wir für ganzheitliche Lösungen" markiert Rotstift drei Stellen. „Im Rahmen der" ist eine nominale Leerkonstruktion, bei „Umsetzung Ihrer" ist das Verb im Substantiv verschwunden, und „ganzheitlich" sagt nie, was eigentlich enthalten ist. Der Vorschlag lautet jeweils, das Verb zurückzuholen oder die Bestandteile zu nennen. Übrig bleibt die Frage, was die Firma konkret tut. Beantworten muss sie der Mensch, der den Text schreibt.

Weil kurze Texte weniger Material liefern, lässt sich die Textsorte angeben. Die Einstellung profil gilt für Über-mich-Seiten und Pressetexte in der dritten Person, kurz für Claims und Social-Posts. Ohne diese Angabe wird die Gruppe der menschlichen Signale erst ab 120 Wörtern geprüft, und das Ergebnis weist aus, wenn sie ungeprüft geblieben ist.

Gedacht ist Rotstift für eine Schleife: prüfen, umschreiben, den Entwurf von einem Modell einer anderen Familie gegenlesen lassen, erneut prüfen. Der letzte Schritt ist der wichtigste. Ein Modell, das Floskeln entfernt, baut gern neue ein. Als Skill lässt sich Rotstift in Claude Code und claude.ai einbinden, in ChatGPT als Wissensdatei eines eigenen GPT, in GitHub Actions als Prüfschritt vor dem Veröffentlichen.

Ziel und Zweck

Das Ziel ist ein besserer Text, kein unauffälligerer. Die meisten Korrekturen, die Rotstift anregt, machen einen Text überprüfbarer. Aus „langjähriger Erfahrung" wird ein Gründungsjahr, aus „deutlich schneller" eine gemessene Zahl. Und wo vorher eine Zusammenfassung stand, steht eine Einschätzung, der man widersprechen kann.

Deshalb gibt es genau eine harte Regel: Belege werden nie erfunden. Fehlt eine Zahl, steht im überarbeiteten Text der Platzhalter [Zahl fehlt], bis jemand sie nachliefert. Ein erfundenes Detail sieht konkreter aus als eine Leerformel und ist trotzdem schlimmer.

Für wen es gedacht ist

Rotstift richtet sich an alle, die Texte veröffentlichen, die ein Mensch liest und beurteilt. Das sind Agenturen und Selbstständige, die Websites, Newsletter und Stellenanzeigen schreiben, ebenso Unternehmen, die Sprachmodelle in der Textarbeit einsetzen und vor der Veröffentlichung eine Kontrolle wollen.

Das Werkzeug taugt genauso für Texte, die ohne jede KI entstanden sind. Floskeln entstehen auch von Hand, oft unter Zeitdruck oder in Abstimmungsrunden, in denen jeder Satz allen gefallen soll. Wer einen eigenen Entwurf prüft, bekommt dieselben Hinweise wie bei einem generierten.

Wenig anfangen wird damit, wer Texte auf Knopfdruck erzeugen und ungelesen veröffentlichen will. Jeder Hinweis, den Rotstift ausgibt, muss jemand bearbeiten.

Was Rotstift nicht kann

Es erkennt keine KI. Ein Score sagt nichts darüber, wer einen Text geschrieben hat. Auch ein Mensch schreibt ohne „aber", und ein Sprachmodell kann einen Text ohne jede Floskel liefern. Gemessen wird die Wirkung auf Leser, nicht die Herkunft.

Es bewertet keine Qualität. 6 von 6 heißt „keine bekannten Muster gefunden", nicht „guter Text". Ein flacher, belangloser Text besteht die Prüfung mühelos. Ob ein Text etwas zu sagen hat, entscheidet ein Mensch.

Es kennt nur, was im Katalog steht. Neue Muster rutschen durch, bis jemand sie einträgt. Ein Beispiel aus der Praxis ist dieser Absatz von einer Agenturseite:

Eine gute Website ist kein reines Kunstwerk – sie ist dein bester Mitarbeiter. Sie holt deine Besucher ab, weckt Interesse und liefert messbare Ergebnisse.

Er erhält derzeit 6 von 6, obwohl er drei Bilder und ein Versprechen ohne Maßstab enthält. Die Bauform „ist kein X, sondern Y" und die Floskel vom Abholen fehlen im Katalog noch. Eine Überarbeitung könnte lauten: „Eine Website, über die niemand anfragt, kostet dich Geld und bringt keins. Deshalb fangen wir bei der Frage an, was ein Besucher auf deiner Seite tun soll."

Einzelne Sätze rutschen meist durch. Die Schwellen sind so gesetzt, dass ein Text mit vielen Absätzen fair bewertet wird. Ein einzelner Satz mit drei Floskeln erzeugt drei Hinweise, aber keinen Punktabzug.

Es vergleicht nur Muster. Regeln auf Basis regulärer Ausdrücke erzeugen Fehlalarme. „Effizient" ist in einem Werbetext meist leer, in einem technischen Datenblatt oft korrekt. Solche Wörter zählen deshalb nur halb.

Es prüft nur Deutsch.

Was Rotstift nicht soll

Rotstift ist kein Werkzeug, um KI-Texte als eigene auszugeben. Es verspricht nicht, KI-Detektoren zu überlisten, und optimiert nicht auf sie. Detektoren messen etwas anderes als das Urteil eines Lesers, und nur dieses Urteil zählt hier.

Verhindern lässt sich trotzdem nicht, dass jemand das Werkzeug so einsetzt. Wo eine Offenlegung verlangt ist, in einer Hausarbeit, in einer Redaktion oder bei einer gesetzlichen Kennzeichnungspflicht, ersetzt ein Score von 6 von 6 sie nicht.

Ebenso wenig ersetzt Rotstift ein Lektorat. Der Name ist wörtlich gemeint: Ein Rotstift streicht an, was auffällt. Umschreiben muss jemand anderes.

Ausprobieren

Rotstift steht unter MIT-Lizenz auf GitHub: github.com/artsunique/rotstift. Eine Prüfung braucht zwei Befehle:
git clone https://github.com/artsunique/rotstift && cd rotstift
python3 tools/deslop_de.py mein-text.md

Newsletter abonnieren

Gelegentliche Updates zu Projekten, Design-Themen und neuen Arbeiten. Doppelte Bestätigung. Jederzeit abbestellbar.